Was bleibt, wenn alle wieder nach Hause fahren

Über ein stilles Haus, acht Frauen und die Frage, was von einer Woche bleibt, die sich nicht einfach in einen Koffer packen lässt.

Am Morgen danach ist es still.

Nicht diese friedliche Stille, die ich hier oben in Lappland so liebe, sondern eine andere. Eine Stille, die sich plötzlich viel größer anfühlt, weil an diesem Tisch gestern noch Frauen saßen, weil gelacht, geweint, geredet und gegessen wurde, weil irgendwo immer eine Tür aufging, jemand barfuß durch die Küche lief und die Kaffeemaschine gefühlt niemals Pause hatte.

Und dann sind sie weg.

Die Koffer stehen nicht mehr im Flur, die Jacken sind von den Haken verschwunden und die Betten sind leer. Nur das Haus erzählt noch davon, dass hier gerade etwas passiert ist. Und ich stehe mittendrin.

Und dann sind sie weg.

Die Koffer stehen nicht mehr im Flur, die Jacken sind von den Haken verschwunden und die Betten sind leer. Nur das Haus erzählt noch davon, dass hier gerade etwas passiert ist. Und ich stehe mittendrin.

Ein Retreat endet nicht mit der Abreise

Auf dem Papier ist ein Retreat ziemlich einfach zu erklären: sieben Tage in Lappland, ein Haus mitten in der Natur, Meditationen, Workshops, Energiearbeit, Human Design, Breathwork, Sauna, Ausflüge und gemeinsames Essen. Man könnte daraus einen wunderschönen Stundenplan machen. Aber das wäre nicht das, woran ich mich erinnere.

Ich erinnere mich an Gespräche in der Küche, die eigentlich nur mit der Frage begonnen haben, ob noch Kaffee da ist. An Tränen, die plötzlich kommen durften. An dieses laute, völlig unkontrollierte Lachen, bei dem irgendwann niemand mehr weiß, worüber eigentlich gelacht wird. An Umarmungen. An Frauen, die sich am ersten Tag noch fremd waren und wenige Tage später nebeneinander im Whirlpool sitzen und über ihr Leben sprechen. An Stille, die nicht unangenehm ist. Und an diesen besonderen Moment, in dem du merkst: Hier muss gerade niemand irgendetwas darstellen.

Einen Raum halten

Ich werde oft gefragt, was ich eigentlich meine, wenn ich sage, dass wir auf unseren Retreats einen Raum halten…

Für mich bedeutet es nicht, sieben Tage lang Antworten zu geben. Ganz im Gegenteil: Es bedeutet, einen Ort zu schaffen, an dem nicht sofort eine Antwort gebraucht wird. Einen Ort, an dem eine Frau nicht funktionieren muss, nicht die gute Mutter, die starke Partnerin, die zuverlässige Kollegin oder diejenige sein muss, die alles im Griff hat. Einfach Frau. Mit allem, was gerade da ist.

Wir geben Impulse, arbeiten mit Energie, meditieren, atmen, sprechen, reflektieren und erleben gemeinsam diesen wilden Norden. Aber wir schreiben niemandem vor, was sie am Ende dieser Woche erkannt haben soll. Denn echte Veränderung lässt sich nicht in einen Ablaufplan schreiben.

Und dann passiert das Leben dazwischen

Ich plane Retreats ziemlich detailliert. Trotzdem habe ich gelernt, dass die wertvollsten Momente oft genau dort entstehen, wo nichts geplant war: zwischen Workshop und Abendessen, im Auto auf dem Weg zurück, beim Schneiden von Gemüse, in der Sauna, draußen am Feuer oder nachts, wenn längst alle ins Bett gehen wollten und plötzlich doch noch vier Frauen um einen Tisch sitzen.

Das ist der Teil eines Retreats, den man auf einer Verkaufsseite kaum zeigen kann: diese kleinen Zwischenräume. Denn dort entsteht Verbindung. Nicht, weil acht Frauen dieselben Geschichten haben, sondern weil sie irgendwann merken, dass sie mit ihren Geschichten nicht allein sind.

Lappland macht seinen eigenen Teil

Und dann ist da natürlich dieser Ort. Der Norden. Ich glaube nicht, dass Lappland nur die Kulisse für meine Retreats ist. Die Natur hier fordert nichts von dir. Der Wald interessiert sich nicht dafür, wie produktiv du heute warst. Ein See fragt nicht nach deinem Lebenslauf. Das Feuer in der Kota braucht keine Erklärung dafür, warum du gerade still bist.

Hier oben wird vieles plötzlich unwichtig, was zu Hause riesig erscheint.
Und anderes wird dafür wieder hörbar: die eigene Stimme, der eigene Körper, die eigenen Bedürfnisse und dieses leise Wissen darüber, was eigentlich längst nicht mehr passt.

Der Norden nimmt dir keine Entscheidungen ab.
Aber er macht es verdammt schwer, dich selbst zu überhören.

Lappland Herbst See

Was bleibt also?

Nach sieben Tagen fahren die Frauen wieder nach Hause, zurück zu ihren Familien, ihren Jobs, ihren Terminen, ihren Einkaufslisten und ihrem ganz normalen Leben. Genau dort zeigt sich irgendwann, was diese Woche wirklich bedeutet hat.
Nicht darin, dass plötzlich alles anders ist, sondern darin, dass etwas in Bewegung gekommen ist.

Vielleicht ist es eine Grenze, die klarer geworden ist, ein Gedanke, der nicht mehr verschwindet, eine Entscheidung, ein Gespräch, das endlich geführt wird, ein Ritual, das mit nach Hause zieht, oder einfach dieses Gefühl: Ich möchte mich selbst nicht wieder so schnell verlieren.

Das sind die Dinge, die ich nicht fotografieren kann. Und wahrscheinlich sind es genau die wichtigsten.

Und was bleibt bei mir?

Eine ganze Menge. Nach jedem Retreat brauche ich diesen Moment im leeren Haus. Ich gehe durch die Räume und sehe all diese kleinen Spuren einer Woche, die wenige Stunden vorher noch voller Leben war. Und jedes Mal denke ich:
Wie verrückt ist es eigentlich, dass Menschen hierherkommen, die sich vorher nicht kennen, und dass ihnen eine Woche später der Abschied schwerfällt?

Ich nehme aus diesen Wochen genauso viel mit: Geschichten, Begegnungen, Erkenntnisse und eine große Dankbarkeit dafür, dass Frauen mir ihr Vertrauen schenken und für ein paar Tage einen Teil ihres Lebens mit mir teilen.

Dann räume ich die letzten Tassen weg. Die Spülmaschine läuft. Das Haus wird wieder still. Und irgendwo sitzen inzwischen acht Frauen in Flugzeugen, Autos und Zügen auf dem Weg zurück in ihr Leben.

Aber dieser Raum, den wir gemeinsam geschaffen haben? Der reist mit ihnen.

Und genau das bleibt.

Zurück
Zurück

Reiki: Was ist das eigentlich?

Weiter
Weiter

Mein Chaga-Ritual für kalte Tage